Einige Fragen und Antworten

Was ist Obdachlosigkeit?

Obdachlos bzw. Wohnungslos ist der Mensch der keine Wohnung bewohnt oder über keinen Mietvertrag über einen abgesicherten Wohnraum verfügt. Es sind überwiegend Menschen die in Notunterkünften untergebracht sind oder vorübergehend bei verwandten oder Bekannten unterkommen. Obdachlos werden aber überwiegend die Menschen bezeichnet, die ohne Unterkunft auf der Straße leben.

Warum werden Menschen obdachlos?

Schicksalsschläge oder Zerwürfnisse in der Familie werfen manche Menschen so aus der Bahn, dass sie sich in die Obdachlosigkeit begeben.

Andere haben schon als Kind in Heimen gelebt und haben nirgends richtig Fuß fassen können. Physische Krankheiten, Sucht (Alkohol, Medikamente, Tabletten oder Spielsucht) oder ein Gefängnisaufenthalt können genauso zum Verlust der Wohnung beitragen wie ein Einkommen das nicht mehr ausreicht um die monatliche Miete aufzubringen.

Wenn die wachsenden Probleme diesen Menschen über den Kopf wachsen, verlieren manche von ihnen den Überblick über ihre Finanzen und können ihren Pflichten nicht mehr nachkommen. Wer seine Miete nicht mehr zahlt, erhält irgendwann eine Räumungsklage und verliert den Wohnraum.

Wie viele Obdachlose leben in Berlin?

In Deutschland gibt es leider keine allgemeine Obdachlosenstatistik.

Es ist schwer eine Statistik aufzustellen, wenn Menschen keinen Kontakt zu Behörden haben und von denen man nicht weiß wo sie sich gerade aufhalten. In Berlin werden Schätzungsweise bis zu 20.000 Wohnungslose geschätzt. Zusätzlich werden 5.000 bis 8.000 als Obdachlos bezeichnet. Ein viertel davon sind alleinstehende Frauen. Eine andere Gruppe sind die Straßenkinder. Es gibt allerdings auch obdachlose Paare und Familien.

Warum sind mehr Männer als Frauen von einer Obdachlosigkeit betroffen?

Führen Konflikte in einer Familie zu einer Trennung, muss die gemeinsame Wohnung häufiger vom Mann als von der Frau verlassen werden. Dies passiert meist in Familien mit Kindern. Auch fällt es Frauen häufig leichter, in Notsituationen um Hilfe zu bitten. Zumal sie in der Obdachlosigkeit weitaus stärker gefährdet sind und Opfer von Gewalt werden. Deshalb suchen viele Unterschlupf bei Verwandten und Bekannten. Selbst wenn sie dort Übergriffen und Nötigungen ausgesetzt sind.

Wie viele obdachlose Kinder und Jugendliche gibt es?

Es liegen auch hier keine eindeutigen Zahlen vor. Es werden ca. ungefähr 2.500 minderjährige Ausreißer pro Jahr geschätzt. Davon ausgehend werden von diesen ca 300 zu Straßenkindern werden.

Die meisten von ihnen sind älter als 14 Jahre. Jungen und Mädchen halten sich dabei die Waage. Auslöser zum Straßenkind zu werden sind zum Beispiel schwere Probleme in der Familie, Misshandlungen oder sexuelle Gewalterfahrungen.

Viele versuchen in der Anonymität der Großstadt Schutz vor Entdeckung zu finden. Für ihren Lebensunterhalt betteln sie oder sie prostituieren sich, Jungen wie Mädels, oder begehen kleinere Diebstähle.

Aus welchen Ländern stammen Obdachlose in Berlin?

Obdachlosigkeit in den Großstädten ist International. Die Kältehilfe der Berliner Stadtmission beherbergte im Winter 2016/2017 Obdachlose aus insgesamt 91 Ländern. Viele von ihnen kamen aus Polen, Rumänien und Bulgarien.

Sie kommen nach Deutschland in der Hoffnung hier Arbeit zu finden. Wenn sich dies nicht erfüllt kehren die meisten nicht in ihr Herkunftsland zurück. Denn einen Anspruch auf soziale Unterstützung haben die meisten weder in Deutschland noch in ihren Herkunftsländern.

Unterscheiden sich Hilfeleistungen für deutsche und nichtdeutsche Staatsbürger?

Die meisten Versorgungsangebote, wie Suppenküchen oder Notunterkünfte, stehen allen offen. Geld zum Lebensunterhalt erhalten aber nur Menschen die in Deutschland einen Anspruch auf Hilfe haben.

Menschen aus dem Ausland haben diesen Anspruch nur in Ausnahmefälle. Selbst wenn Ansprüche bestehen sollten, sind diese für alle diejenigen, die kein Deutsch sprechen und sich im deutschen Rechtssystem nicht auskennen, nur schwer durchzusetzen.

Welche Folgen hat eine Obdachlosigkeit?

Das Leben auf der Straße ist ein Leben in der Öffentlichkeit ohne Privatsphäre.

Intime Dinge wie ein Toilettengang oder das Schlafen werden eine Herausforderung. Ungesunde Ernährung, schlechter Zugang zu medizinischer Versorgung, mangelnder Schutz bei extremen Wetterverhältnissen und fehlende Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten können zu unterschiedlichen gesundheitlichen und seelischen Schädigungen führen.

Viele der Menschen, die lange auf der Straße leben, haben Gewalterfahrungen gemacht. Sie sind Vereinsamt, physisch erkrankt oder trinken Alkohol um ihre Situation ertragen zu können.

Wie werden Obdachlose, wenn sie Hilfe akzeptieren, unterstützt?

Angebote wie Suppenküchen, Tagesaufenthalte oder Übernachtungsmöglichkeiten im Winter sind in der Regel kostenlos und stehen allen offen. Dies ohne sich ausweisen zu müssen. Es gibt auch Beratungsstellen die helfen einen Weg durch den Behördendickicht zu finden.

Voraussetzung für Hilfe vom Sozialamt oder dem Jobcenter sind allerdings eine Postadresse und das Vorhandensein gültiger Dokumente. Sind diese Anforderungen erfüllt, kann die Person in ein Wohnheim, meist Mehrbettzimmer, vermittelt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit die Person in ein Projekt zu vermitteln, welches zur Aufgabe hat den Menschen auf einem Weg heraus aus der Obdachlosigkeit in ein abgesichertes Leben mit mietvertraglichen Wohnraum zu begleiten.

Gibt es so etwas wie Gemeinschaft unter den Obdachlosen?

Die Frage nach der Gemeinschaft oder Solidarität unter den Obdachlosen werden von einigen mit "Ja" und von anderen wiederum mit "Nein" beantwortet.

Es gibt Gruppen, meist bei jugendlichen Obdachlosen, die sich gegenseitig unterstützen.

Die andere Gruppe die auf der Straße leben sind die zahlreichen Einzelgänger und Einzelgängerinnen. Es sind meist Menschen die seelisch krank sind und deshalb keinen oder nur wenigen Kontakt mit anderen haben.

Die dritte Gruppe sind die vielen Süchtigen. Für sie ist das allerwichtigste, wie komme ich an meinen Stoff oder Alkohol. Um dies befriedigen zu können wird keinerlei Rücksicht auf den anderen genommen.

Wo finden Obdachlose ärztliche Hilfe?

Die meisten obdachlosen Menschen befinden sich in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand. Auch wer Sozialleistungen bezieht und krankenversichert ist, schämt sich oft eine Arztpraxis aufzusuchen. Viele verdrängen ihre Beschwerden.

Zwar gibt es spendenfinanzierte medizinische Anlaufstellen für obdachlose Menschen (hier in Berlin sind es ca. 15 Stellen). Leider können diese nur notdürftig helfen. Wenn eine lebensbedrohliche Situation vorliegt sind die Krankenhäuser auch ohne Versicherungsschutz zu einer Behandlung verpflichtet.

Warum nehmen obdachlose Menschen angebotene Hilfen nicht in Anspruch?

Scham ist eine der wichtigsten Gründe dafür, dass obdachlose Menschen nicht um Hilfe bitten.Manche haben auch bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Der Kontakt mit Behörden und anderen Einrichtungen wurde als frustrierend bürokratisch und die angebotene Hilfe als bevormundend erlebt.

Sobald obdachlose Menschen durch die Bürokratie wieder erreichbar werden, tauchen die "unerledigten Altlasten", wie Schulden oder Gerichtsverfahren wieder auf.

Auch gibt es Menschen, die das Leben auf der Straße ein Leben der Einsamkeit in einer Wohnung vorziehen.

Welche Hilfe brauchen Obdachlose am dringendsten?

Als allererstes brauchen die Menschen all die Dinge die zum Überleben auf der Straße nötig sind: Essen und Trinken, Schutz vor Nässe und Kälte sowie Schutz vor Gewalt.

Wichtig ist auch der Zugang zu einer grundsätzlichen finanziellen Absicherung, einer sicheren Unterkunft und zu medizinischer Versorgung.

Darüber hinaus sind auf langer Sicht auch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und das Gefühl gebraucht zu werden lebensnotwendig.

Ist die Rückkehr in ein sogenanntes "normales Leben" für einen Obdachlosen möglich?

Es braucht sehr viel Zeit und Geduld einen Menschen der lange auf der Straße gelebt hat auf dem Weg zurück in ein "normales leben" zu begleiten. Um so länger der Mensch auf der Straße gelebt hat um so schwieriger ist dieser Weg.

Die Obdachlosigkeit verändert die Menschen. Folgeerscheinungen der Obdachlosigkeit sind oft Verwahrlosung, Minderwertigkeitsgefühle, eingeschränkte Gemeinschaftsfähigkeit, Misstrauen oder die Unfähigkeit Entscheidungen zu treffen.

Die Hilfen die oft angeboten werden berücksichtigen oft die individuelle Situation des Einzelnen nicht und überfordern sie damit. Trotzdem finden immer wieder einzelne zurück in ein Leben mit Wohnung, Beziehung und Erwerbstätigkeit.

Sind Obdachlose auch körperlicher Gewalt ausgesetzt?

Viele obdachlose Menschen berichten immer wieder von Gewalterfahrungen. Frauen sind oft sexuellen Übergriffen ausgesetzt und ausgeliefert. Wegen der fehlenden Rückzugsmöglichkeiten ist das Leben auf der Straße sehr gefährlich.

Feindseligkeiten gegenüber Obdachlose ist weit verbreitet. Rund ein drittel der Bevölkerung äußert sich immer wieder mit abwertenden Einstellungen zu diesen Menschen. Gewalttaten geschehen auch zwischen den Obdachlosen. Zum Beispiel bei Streit um Schlafplätze oder Besitztümer. Da die Polizeistatistik obdachlose Opfer nicht extra erfasst, gibt es hier auch keine genauen Zahlen.

Wo gehen Obdachlose auf Toilette?

Wenn man als obdachloser Mensch auf die Toilette muss, diese aber gerade nicht in der Nähe ist, ist das sehr unangenehm. Für sie ist das der Alltag. Fast alle WC´s in der Stadt kosten Geld. Bleibt also nur der Park oder eine geschützte Ecke.

Wo können obdachlose Menschen duschen?

Das Duschen und das Wäsche waschen ist während der Öffnungszeiten in Wohnungsloseneinrichtungen möglich.

In Berlin wurde im Dezember 2015 neben der Bahnhofsmission Zoologischer Garten das erste Hygienezentrum für Obdachlose eröffnet. Diese wird täglich von einigen Hundert Menschen besucht.

Wo schlafen Obdachlose?

Im Winter organisieren häufig soziale und kirchliche Initiativen Notübernachtungen. Die gut erreichbaren Angebote sind allerdings häufig überfüllt. Es ist dort laut und es riecht oft sehr streng. Der Standard ist in der regel sehr einfach. geschlafen wird in Mehrbettzimmern und manchmal sogar nur auf Isomatten.

Im Sommer gibt es kaum kostenlose Schlafangebote. Ein guter Schlafplatz draußen ist wettergeschützt und möglichst sicher vor Störungen und Übergriffen. Hilfreich ist, wenn man tagsüber seine Schlafsachen in der Nähe verstauen kann.

Wieso haben Obdachlose Tiere?

Für viele Obdachlose Menschen ist ihr Tier (meistens ein Hund) der beste Freund und die einzige verlässliche Beziehung in ihrem Leben. Das Wohl des Tieres ist dann mindestens genau so wichtig wie das eigene.

Da die meisten Übernachtungseinrichtungen keine Tiere akzeptieren, verzichten viele Tierbesitzer lieber auf angebotene Hilfe als auf ihren Freund.

Dürfen Obdachlose wählen?

Wahlberechtigte Obdachlose können auch wählen. Die Voraussetzung ist,sich dort, wo man sich gewöhnlich aufhält, ins Wählerverzeichnis eintragen zu lassen.

Ein entsprechender Antrag kann nach Feststellung der Identität in den Wahldienststellen der Bezirke gestellt werden. Das muss mindestens 21 Tage vor der jeweiligen Wahl geschehen. Manche Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe unterstützen bei der Antragsstellung oder bescheinigen Betroffenen, die keinen Ausweis haben, Name und Aufenthaltsort.

Was passiert mit Obdachlosen wenn sie sterben?

Wenn ein Obdachloser stirbt und die Angehörigen des Verstorbenen nicht auffindbar sind, beauftragt das zuständige Sozialamt ein Bestattungsinstitut. Dies sorgt für eine Bestattung auf einem städtischen Friedhof. Wenn eine Wohnungsloseneinrichtung vom Tod eines Menschen der sich in ihrer Einrichtung aufgehalten hat erfährt, wird häufig versucht ein würdevolles Begräbnis zu organisieren. man möchte damit Freunden und Bekannten die Möglichkeit geben Abschied zu nehmen.

Wer unbekannt stirbt wird anonym beigesetzt.

Wie kann ich helfen?

Ich sollte meinem Gegenüber immer Achtung erweisen. Auch wenn er oder sie ein ungepflegtes Erscheinungsbild hat oder sich sozial auffällig verhält. Hilfreich ist immer, wenn ich ein freundliches Wort sagen und ein Gespräch anbieten kann.

Wenn ich einem bettelnden Menschen Geld gebe, sollte ich mich nicht daran stoßen, dass er es nach seinen eigenen Vorstellungen ausgibt. Es hilft auch soziale Organisationen mit Geld- oder Sachspenden zu unterstützen. Eine andere Möglichkeit wäre sich ehrenamtlich einzusetzen.